Alles nur gefaked?

Als ich diesen Sommer in den Alpen unterwegs war, hatte ich eine interessante Begegnung. Ich war gerade dabei, die Gletscherquelle bei Ramsau zu fotografieren. Die Gletscherquelle ist keine Quelle im herkömmlichen Sinne, sondern besteht – zumindest an der Stelle, die vom Wanderweg aus zugänglich ist – eher aus einer Reihe von Rinnsaalen und kleinen Bächen, die über moosbewachsene Steine plätchern. Für Fotografen natürlich ein tolles Motiv, und so hielt ich mich auch ca. 1 Stunde an dieser Stelle auf.

Blaueisgletscherquelle bei Ramsau

Blaueisgletscherquelle bei Ramsau

Wenn man mit einem großen Stativ und einer teuer aussehenden Kamera unterwegs ist, werden die Leute neugierig. Und so sprach mich dann auch ein älterer Herr darauf an, was ich dort fotografieren würde. Ich erklärte ihm, was ich mache und zeigt ihm ein paar Bilder, die ich gemacht hatte. Ich hatte die Wasserläufe mit einem Graufilter fotografiert, um so Belichtungszeiten zu erhalten, die das Wasser sich verwischen ließen. Ich fand die Bilder eigentlich ganz ok, aber der Kommentar des älteren Herrn war: „Aber das sieht ja nicht so aus, wie man es sieht.“. Er wirkte dabei fast etwas entäuscht.

Ich erklärte ihm, dass es mir nicht darum ginge, ein Foto zu machen, das exakt das zeigt, was man an einer Stelle sieht. Woraufhin er mich fragte, worum es mir ginge. Ich war etwas überrumpelt und sagte, dass es mir darum ginge, die Gefühle zu zeigen, die ich an diesem Ort habe. Mittlerweile würde ich sagen, dass es mir darum ginge, die Essenz des Ortes zu zeigen, den ich besuche (darauf hat mich dieser Artikel der dps – Digital Photography School – gebracht).

Ich kenne natürlich die Diskussion darüber, inwieweit die nachträgliche Bearbeitung von digitalen Landschaftsaufnahmen legitim ist. Mein „Gesprächspartner“ empfand sogar die lange Verschlusszeit meiner Kamera schon als Betrug. Ich tendiere eigentlich dazu, Fotografie als Kunst zu betrachten und in der Bearbeitung eines Fotos prinzipiell keinen Unterschied zwischen der Bearbeitung eines Fotos und dem Malen einer Lanschaft zu sehen. Mein Ziel ist es, die „Schönheit“ (ein menschengemachter Begriff) in der Natur zu zeigen.

Aber die Frage bleibt: Warum fotografieren wir eine besonders schöne Landschaft? Wollen wir das zeigen, was wir sehen? Oder wollen wir zeigen, was wir fühlen? Oder wollen wir einfach ein Bild kreieren, das ein Aha-Erlebnis erzeugt? Was ist erlaubt, was ist Wahrheit, was Fälschung? Gibt es überhaut „die Wahrheit“ in der Fotografie? Ich denke, jeder ambitionierte Landschaftsfotograf (und andere natürlich auch) wird an diesen Fragen nicht vorbeikommen. Und mein kurzes Gespräch an der Gletscherquelle hat mir gezeigt, dass ich mit dieser Frage noch lange nicht im Reinen bin.